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Thema: Neuropathie

Woran Sie eine Polyneuropathie erkennen

Die Nervenerkrankung verursacht unterschiedliche Symptome: Füße kribbeln, Beine brennen. Es gibt viele mögliche Auslöser. Was hilft, wenn die Nerven verrückt spielen
von Nina Himmer, aktualisiert am 13.04.2017

Die Beine kribbeln, brennen oder sind taub: Mögliche Symptome bei Polyneuropathie

istock/Redsmiler

Wenn andere die Hitze nicht mehr aushalten, wird es für Reinhold E. erst richtig angenehm. Dann schlüpft er in eine kurze Hose, macht es sich mit einem Buch in der Sonnenliege auf dem Balkon bequem – und genießt. Die Wärme lindert das Kribbeln und die Kälte in seinen Beinen. "Je höher die Temperaturen, desto besser", sagt er und streicht mit den Fingern über seine Unterschenkel. Sie fühlen sich kalt an. Wie immer. Ob er in der heißen Wanne liegt oder in der Sonne, in der Sauna sitzt oder sich mit dicken Wollsocken im Bett verkriecht: "Von den Knien abwärts ist es, als würde ich in Eiswasser stehen." Reinhold E. hat Poly­neu­ropathie.

Fünf Millionen Deutsche betroffen

Die Krankheit schädigt das sogenannte periphere Nervensystem, also die Nervenfasern außerhalb von Gehirn und Rückenmark. Meist kommt es zu Empfindungsstörungen in den Füßen und Beinen, seltener in Armen, Händen und Fingern oder im Rumpf. Die Beschwerden können jedoch sehr unterschiedlich sein – je nachdem, welche Nerven betroffen sind. "Manche Menschen spüren ein Brennen oder Taubheit, andere reagieren mit Überempfindlichkeit, Kribbeln, Kältegefühl oder Lähmungen", erklärt Professor Peter Berlit, Vorstandsmitglied des Berufsverbands Deutscher Neurologen. Schätzungsweise fünf Millionen Menschen in Deutschland leiden daran. Wahrscheinlich liegt die Zahl sogar noch höher. Denn Polyneuropathie wird oft spät erkannt – oder gar nicht.

Ergotherapie fördert die Sensibilität in den Händen

AP / Hans Wiedl

Die Liste möglicher Auslöser ist lang. Doch nicht jedem Patienten können die Ärzte sagen, weshalb seine Nerven geschädigt sind. "Bei rund 80 Prozent sind Diabetes mellitus oder Alkoholismus die Ursache", sagt Berlit. Auch Krebspatienten trifft es häufig – eine Folge der Chemotherapie. Andere Auslöser, wie beispielsweise Autoimmun­erkrankungen und Entzündungen, Infektionen wie Borreliose, Vergiftungen sowie Durchblutungs- und Stoffwechselstörungen, lassen sich schwieriger feststellen. In vielen Patientenakten steht deshalb der Vermerk: "Ursache unklar".

Plötzlich folgt der Fuß nicht mehr

So auch bei Reinhold E.: Alles beginnt kurz nach seinem 50. Geburtstag. Seine linke Fußsohle fühlt sich auf einmal taub an, beim Gehen schleift er den Fuß leicht nach. "Du läufst wie dein Vater früher", sagt seine Frau. Tatsächlich gibt es bei Neuropathien eine erbliche Vorbelastung. Schon Reinhold E.s Vater litt an unklaren Nervenschmerzen, seine Mutter an multipler Sklerose, einer Krankheit, bei der das Immunsystem die Nervenhüllen angreift.

Doch erst als ihm seine ­Arbeit als Schreiner schwerfällt, geht Reinhold E. zum Hausarzt. Dieser ist ratlos, überweist ihn an einen Neurologen. Doch auch er erkennt die Erkrankung nicht. Ein anderer sagt nur knapp: "Was Sie da haben, kriegen Sie nie wieder los." Erst viele Arztbesuche und Klinik­aufenthalte später steht die Diagnose fest: Polyneuropathie. "Ich hatte davon noch nie gehört", sagt Reinhold E., heute 71 Jahre alt.

Dr. Jörg Madlener, niedergelassener Neurologe in Frankfurt am Main, überrascht die Geschichte nicht: "Oft vergeht viel Zeit, bis Betroffene eine korrekte Diagnose erhalten." Längst nicht alle Ärzte seien mit der Krankheit vertraut. Und selbst wer die gängigen Diagnose-Methoden kennt, erhält nicht immer ein klares Ergebnis. Getestet werden bei Neuropathien ohne klare Ursache etwa die Nervenleitgeschwindigkeit und die Muskelfunktion. Hinzu kommen ein Check der Reflexe sowie eine Analyse von Blut, Urin und Nervenwasser. "Zum Teil wird ein winziges Stück Nerv entnommen, um es unter dem Mikroskop zu untersuchen", sagt Madlener. So lässt sich klären, welche Nerven betroffen sind und ob ihre Hülle angegriffen ist oder ihr Kern. Das lässt Rückschlüsse auf die Ursache zu.

Oft zeigen sich Symptome bei Polyneuropathie zunächst an Füßen und Beinen

Thinkstock/iStockphoto

Oft mehrere Behandlungsversuche nötig

Reinhold E. hat diese Untersuchungen schon hinter sich. Inzwischen ist er Experte für seine Krankheit. Medikamente, die Polyneuropathie lindern können? Der Rentner kennt sie fast alle. Viele misslungene Versuche hat er hinter sich; es hat lang gedauert, bis ihm endlich ein Mittel half.

"Anfangs waren die Nebenwirkungen so schlimm, dass sie nur ein Leiden durch ein anderes ersetzten", erzählt Reinhold E. Heute schluckt er Tabletten, die normalerweise gegen Epilepsie verschrieben werden und die er gut verträgt. Dass Patienten erst einmal mehrere Arz­neien ausprobieren müssen, kommt den Experten zufolge häufig vor: "Manche fühlen sich deshalb wie Versuchskaninchen", so Madlener. Doch nur so könne man die beste Lösung finden.

Auslöser der Polyneuropathie bekämpfen

Behandelt wird zunächst der Aus­löser der Krankheit – sofern bekannt. Bei Diabetikern mit nachgewiesenem Vitamin B1-Mangel hilft manchmal die Vitamin-Vorstufe Benfothiamin. Bei entzündlichen Formen setzt man Kortison und Immunglobuline ein. Vor allem aber haben sich bestimmte Anti­­depressiva sowie Epilepsie-Medikamente bewährt, um die Symptome abzuschwächen.

Auch bei Reinhold E. dämpfen die Mittel das Kribbeln, das sich anfühlt wie Ameisen unter der Haut. Gegen andere Beschwerden helfen sie allerdings kaum: Langes Sitzen bleibt eine Qual, Treppen bedeuten eine große Herausforderung, Stehen fühlt sich an "wie auf dickem Schaumstoff": unsicher und wackelig. Auch gegen die Kälte hilft nichts. Im Lauf der Zeit hat sie sich von den Füßen über die Knie bis fast zur Hüfte ausgebreitet. "Man gewöhnt sich irgendwie daran, aber es bleibt unangenehm."

Von seiner Krankheit hat sich der zweifache Vater dennoch nie unterkriegen lassen. Er stellte seine Ernährung um, treibt viel Sport, geht zur Aqua-Gymnastik, macht Gehtraining.

Sanfte Gymnastik lindert Nervenschmerzen

Getty Images/ GARO / PHANIE

Automatikauto und Kinderwagen als Hilfsmittel

Jeder Tag beginnt für Reinhold E. mit Wechselduschen, Eincremen und Massagen. Im Alltag helfen ihm kleine Tricks: Autofahren klappt mit Automatik. Wegen der Gefühlsstörungen in den Beinen hält er sich beim Gehen fest, wo er kann – am Kinder­wagen der Enkelin, am Arm seiner Frau oder an einem Rollator. Will er in der Werkstatt an seinen Holzvögeln für den Garten arbeiten, lehnt er sich an die Wand oder die Arbeitsplatte. "Ich habe mich mit der Krankheit arrangiert."

Geholfen hat ihm dabei der Kontakt zu anderen Betroffenen. Kurz nach der Diagnose gründete der Schreiner eine Selbsthilfegruppe – "um einen Blick in die eigene Zukunft zu werfen", wie er sagt. Innerhalb kurzer Zeit meldeten sich Hunderte Patienten, darunter viele Senioren. Die Krankheit betrifft vor allem Ältere. Seitdem treffen sie sich einmal im Monat, tauschen sich aus oder hören Fachvorträge von Ärzten wie dem Neurologen Madlener.

Nur wenige brauchen einen Rollstuhl

Der Austausch mit den Betroffenen bestätigt die Erfahrungen des Experten: "Polyneuropathie ist sehr unterschiedlich ausgeprägt." Manche fühlen nur gelegentlich ein Kribbeln im Bein, für andere ist schon das Berühren der Bettdecke eine Qual. Große Unterschie­de gibt es auch beim Erfolg der Therapien. "Was dem einem hilft, bringt dem anderen überhaupt nichts", sagt der Essener Neurologe Berlit. Obwohl eine Heilung in vielen Fällen unmöglich ist, lassen sich die Beschwerden durch Physiotherapie und Medikamente oft lindern. Einen Rollstuhl brauchen am Ende nur sehr wenige.

Auch Reinhold E. hat die ­Polyneuropathie so weit im Griff. Die Freude am Leben konnte sie ihm nicht nehmen. Vielleicht auch, weil er immer seinen Humor behalten hat: "Wer an dieser Nervenkrankheit leidet, braucht gute Nerven."



Bildnachweis: Getty Images/ GARO / PHANIE, AP / Hans Wiedl, istock/Redsmiler, Thinkstock/iStockphoto

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